|
Kontaktadresse | Impressum | English Cartographica HelveticaZusammenfassungJost Schmid und Helen Sunderland (Hrsg.) Fantastische Karten zu legendären GeschichtenSeit Jahrhunderten sind Karten ein wirkungsvolles Mittel zur Modellierung der Erdoberfläche, zur Visualisierung sakraler räumlicher Konzepte, zur Legitimation von Macht, zur Verbreitung von moralischen und philosophischen Vorstellungen und letztlich auch: um Geschichten zu erzählen. Lange vor dem Aufkommen der modernen Fantasy-Literatur verbanden Karten bereits Geografie, Mythos, Religion und Fantasie miteinander – zum Beispiel bei mittelalterlichen Weltbildern, den mappae mundi. Als im frühen 16. Jahrhundert die Publikationstechnologie effizienter und günstiger wurde, begannen verschiedene Schriftsteller, fiktive Welten zu erschaffen, die kartografisch dargestellt werden konnten. Werke wie Thomas Morus' Utopia (1516), Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) oder Jonathan Swifts Gullivers Reisen (1726) entstanden unter dem Eindruck der Wiederentdeckung antiker Schriften, der europäischen Entdeckungsfahrten und des Kolonialismus. Die Topografien in den Werken waren so sorgfältig konstruiert, dass sie kartografisch dargestellt werden konnten. Im 18. und 19. Jahrhundert emanzipierte sich das Genre des Abenteuerromans immer deutlicher von den genannten Schriften, die als Gesellschaftskritik aufgebaut waren. Es entstanden Bücher wie Robert Louis Stevensons Die Schatzinsel (1883) und die Werke von Jules Verne (1828–1905), die Abenteuer nicht nur wie bisher mit Entdeckungsreisen, sondern auch mit Technik verbanden. In der zunehmenden Vielfalt an Abenteuerliteratur und Kindergeschichten gewann die fiktive Geografie zunehmend an Einfluss. Auf beiliegenden und manchmal auch separat publizierten Karten sollte es möglich werden, imaginäre Landschaften zu erkunden. William Morris' Karte in The Sundering Flood (1897) war einer der ersten Schritte in die Richtung dessen, was wir heute als Fantasy-Kartografie bezeichnen: Die literarische Welt war nicht nur erzählt, sondern auch räumlich über eine Karte organisiert, wo die Reisen der Figuren entlang von Flüssen, über Grenzen oder Gebirge sowie durch Ortschaften nachvollzogen werden konnten. J.R.R. Tolkien (1892–1973) liess sich von Morris stark beeinflussen und brachte die Fantasy-Kartografie auf ein Niveau, an dem sich die nachfolgenden Autorinnen und Autoren des Genres orientieren sollten. Die Karte war für Tolkien nicht nur das illustrative Nebenprodukt einer Fantasy-Geschichte, sondern eine unabdingbare Grundlage für deren Niederschrift: «Ich habe klugerweise mit einer Karte begonnen und die Geschichte daran angepasst [im Allgemeinen unter sorgfältiger Berücksichtigung der Entfernungen]. Der umgekehrte Weg führt zu Verwirrung und Unmöglichkeiten, und ohnehin ist es mühsam, aus einer Geschichte eine Karte zu entwerfen.» Beispiele für Tolkiens Kartografie stehen im Mittelpunkt der «Fantastischen Karten», als integrale Instrumente des «Worldbuildings» und als Lenkung für die Lesenden. Mit dem Fortschritt der Computertechnologie und der damit einhergehenden Weiterentwicklung von Programmierung und Grafik haben Spieleentwickler die Möglichkeiten des Geschichtenerzählens, der Weltgestaltung und der Kartografie in der Fantasiewelt auf ein neues Niveau gehoben. Heute gehören Videospiele zu den beliebtesten Medienformen der Welt und reichen von einfachen Ein-Personen-Abenteuern bis hin zu gigantischen Mega-Spielen, die von Tausenden von Menschen weltweit gleichzeitig gespielt werden. Dies verdeutlicht, wie Geschichten, Fantasie und Abenteuer im allgemeinen und fantastische Karten im Besonderen auf eine tief verwurzelte menschliche Leidenschaft zurückgreifen und einer faszinierenden Zukunft entgegenblicken. Die Schweiz steht für einen wegweisenden Moment in der Geschichte der Fantasy-Literatur, nämlich mit den Gebirgstouren von J.R.R. Tolkien in den Berner und Walliser Alpen im Sommer 1911 – eine inspirierende Reise mit tiefgreifendem Einfluss auf die Geburt von Tolkiens Mittelerde und die fiktionale Weltkonstruktion [Worldbuilding] nachfolgender Autorinnen und Autoren. Die entsprechenden Auswirkungen von der Schweizer Landschaft auf die Fantasy-Literatur und insbesondere die damit verbundenen kartografiehistorischen Aspekte wurden in der bisherigen Forschungsliteratur erst vereinzelt berücksichtigt. Deshalb ist diese Publikation nicht nur ein Vademecum für die in Zusammenarbeit der Privatsammlung Ex Carta und der Gastgeberin Zentralbibliothek Zürich entstandene Ausstellung «Fantastische Karten zu legendären Geschichten», sondern auch als selbständiger sekundärliterarischer Beitrag konzipiert. Übersetzungen: Laura Glöckler, Thomas Honegger, Marie Christin Kümmerling, Helen Sunderland, Lisa Weigel Preis: CHF 23.– (Schweiz), CHF 35.– (Ausland) (zur Bestelladresse). © 1990–2026 Cartographica Helvetica (Impressum) |